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Spurlos verschwundenEine Geschichte aus der RitterzeitDie Autoren:Christel, Lynn M., Michèle, Gaby, Christine. Jo, Lynn S., Inès, Pedro, Fredy, Michael, Carlos, Nelson, Jimmy, Lino, Gabriel Der Spion Erschrocken fliegt ein Waldkauz hoch. Was hat ihn so erschreckt? Da knackt es. Ein geheimnisvoller Schatten schleicht den Hang hinauf. Ein Mann nähert sich der Burg Bourscheid. Seltsam! Er klopft nicht an das Tor. Er schleicht sich vom Tor aus nach links, entlang der Ringmauer. Was hat der vor? In der Höhe des zweiten Turms stellt er sich in den Schatten eines Baumes und schaut nach oben. Schließlich hebt er einen Stein auf und wirft ihn gegen die Mauer des Turmes, in der Höhe der Schießscharte. Dann wartet er. Nur Sekunden später hört man ein Scharren oben auf der Ringmauer. Ein Seil fällt herunter. Die Gestalt greift danach und klettert mühsam hinauf. Immer schwerer fällt ihm das Klettern. Oben fasst ihn eine Hand und hilft ihm über die Ringmauer auf den Wehrgang. Warum kommst du so spät?“, flüstert der Mann, der das Seil hinuntergelassen hat. Er heißt Martin und ist ein Knecht des Herrn von Bourscheid. Er ist ein fauler Kerl, deshalb hat der Vogt gedroht, ihn hinauszuwerfen. Martin ist wütend auf ihn und auf seinen Herrn, den Ritter von Bourscheid. Deshalb war er sofort bereit, den Feinden des Ritters zu helfen. Dann lauf du mal in stockdunkler Nacht durch den Wald!“, knurrt Peter, der rätselhafte Besucher. „Ich hab mein Pferd unten im Tal gelassen. Den ganzen Berg bin ich zu Fuß heraufgekraxelt. Du Ärmster! Und nun erklär mir mal, was das Ganze soll?, fragt Martin. Übrigens, bevor wir weitersprechen, hast du nicht eine Kleinigkeit vergessen? Ja, ja! Du bekommst schon deinen Lohn. Nur keine Panik!“ Und Peter wirft ihm ein Säckchen zu, in dem es ganz angenehm klimpert. Martin lässt das Geld flink in seinem Kittel verschwinden und sagt: Ich höre. Was willst du? Der Ritter von Esch/Sauer ist der Todfeind des Herrn von Bourscheid. Er will ihn ruinieren. Mich hat er geschickt, um auszukundschaften, wie er die Burg erobern kann.“ „Die Burg erobern! Spinnst du? Bourscheid ist eine der mächtigsten Burgen der Grafschaft. Die kannst du nicht so einfach erobern. Und was wird der Lehnsherr, der Graf von Luxemburg, dazu sagen? Der wird deinem Herrn gehörig heim leuchten.“ „Nicht erobern! Nun höre zu. Wir wollen heimlich in die Burg eindringen, die Wachen überwältigen und die ganze Familie des Ritters von Bourscheid töten. Das ist eine Sache von einer Stunde. Dann ist alles aus. Man erzählt sich, der Graf werde in den nächsten Wochen zu einer langen Italienreise aufbrechen. Mein Herr findet, das sei der richtige Zeitpunkt für den Überfall.“ „In diese Burg kann vielleicht ein einzelner Mann wie du heimlich eindringen, und das auch nur, wenn ich dabei helfe. Aber eine ganze Schar Soldaten! Das ist unmöglich. Ihr werdet euch nur eine blutige Nase holen.“ „Gibt es denn keinen Geheimgang, den du uns zeigen könntest?“ will der Spion wissen. „Es muss doch irgendwo in der Ringmauer eine versteckte Tür geben, die du uns öffnen könntest.“ „Irrtum! Bourscheid ist uneinnehmbar. Dein Herr spinnt. Seine Soldaten können noch so leise sein, unsere Wachen werden sie entdecken. Und dann Gnade ihnen. Weißt du, dass wir jeden Tag Bogenschießen üben. Wir treffen auf hundert Fuß das kleinste Mäuslein. Na, habt ihr Lust.“ Dem Spion bricht der Angstschweiß aus: „Das muss ich unbedingt noch heute meinem Herrn melden. Ich habe keine Lust, von euch abgeschossen zu werden.“ „Heute aber nicht mehr“, meint Martin. „Schau mal, es wird schon hell. Komm, ich verstecke dich im Heu bis zum Abend. Wenn es dunkel geworden ist, lass ich dich die Mauer hinunter.“ „In Ordnung!“ knurrt Peter. „Aber vergiss nicht, mir etwas zu futtern zu bringen. Ich bin ganz ausgehungert.“ Ein finsterer Plan Peter, der Spion, reitet auf Esch/Sauer zu. Er überlegt, was er seinem Herrn berichten soll: „Lieber Herr von Esch/Sauer... Nein! Nicht gut genug! Also, mein tapferer Herr... Nein! Klingt verräterisch...“ Da sieht er die Burg von Esch/Sauer vor sich auftauchen. Er ruft: „Ho, mein Pferdchen!“ Das Pferd stoppt vor dem Tor und Peter springt ab. Er klopft an. Der Wachtposten fragt von innen: „Wer ist da? Was wollen Sie?“ „Ich bin Peter. Ich will zum Herrn! Führt mich zu ihm! Ich habe eine wichtige Botschaft!“ Das Tor wird geöffnet. Der Wachtposten befiehlt: „Folge mir!“ Peter wird in den Palas geführt. Als er im Rittersaal ankommt, sieht er seinen Herrn Sigfrid mit seiner Frau Margarethe und ihrem Sohn Heinrich vor sich. „Endlich bist du zurück!“, empfängt ihn Sigfrid. „Hat das gedauert! Was hast du mir zu berichten?“ Peter fängt an: „Zuerst muss ich Ihnen sagen, mein Herr, dass dieser Auftrag sehr, sehr gefährlich war. Die Wachtposten, die auf der Ringmauer stehen, .......“ Peter hofft einen höheren Lohn zu bekommen, wenn er noch einmal auf die Gefährlichkeit seines Auftrags hinweist. Doch die Herrin durchschaut ihn sofort und ruft: „Schweig! Mir ist es egal, wie gefährlich es war! Glaub nicht, dass du mehr Geld bekommst! Also, wie ist die Burg?“ Enttäuscht fährt Peter weiter: „(Seufz) Sie ist sehr, sehr stark befestigt. Die Türme und die Mauern sind zu hoch. Etwa 15 Fuß hoch und 9 Fuß dick! Und die Wachtposten sind gut trainiert im Bogenschießen. Sie treffen einen Gegner aus 200 Fuß Entfernung mit dem Pfeil ins Herz. Sieht schlecht aus...“ Sigfrid ist niedergeschlagen. Er ruft enttäuscht: „Du hast deinen Auftrag erfüllt. Geh, Peter! Hier ist dein Geld! Wir haben es versucht.“ Er gibt Peter das Geld und dieser verschwindet. Als er weg ist, ruft Margarethe zornig: „Sigfrid, du feige Memme! Du Angsthase, du! Ich habe noch nie so etwas Feiges wie dich gesehen! Ich weiß, was du tun sollst! Die Burg können wir zwar nicht angreifen, also zerstören wir das Dorf Bourscheid. Heute Nacht, wenn alle schlafen, greifen wir an und verbrennen es! Hähähä! Hihihi! Hohoho! Damit schaden wir dem Herrn von Bourscheid. Seine Bauern können keine Abgaben mehr leisten und ihr Herr wird bald arm sein wie eine Kirchenmaus." Ihr Sohn Heinrich, ein Angeber, ruft begeistert: „Bravo Mutter! Das wird meine Truppe erledigen! Ich führe sie! Ich bin immerhin schon 23 Jahre alt. Wir werden das Dorf überfallen und verbrennen! Der Auftrag ist schon so gut wie erledigt!“ „Ich bin stolz auf dich, mein Sohn“, antwortet Margarethe. „Aber wir müssen vorsichtig sein, wegen des Lehnsherrn“, rät Sigfrid. „Wenn der das erfährt, dann Gnade uns!“ Da rufen Margarethe und Heinrich zusammen: „Du bist eine feige Memme!“ Sigfrid schweigt. Margarethe lacht: „Wir werden die Herrscher über Bourscheid sein! Hahahaha!“ Die Entführung Mitternacht! Stockdunkel ist es im Wald unterhalb von Bourscheid. Was knackt denn da unter der dicken Eiche? Jemand muss auf einen dürren Ast getreten sein. Da! Es knackt wieder! Und wieder! Dunkle Schatten tasten sich durch den Wald. „Schweinerei! Jetzt bin ich schon wieder gegen einen Baum gestoßen! Warum dürfen wir denn keine Fackel anzünden?“ „Ruhe! Ich höre kein Wort mehr“, befiehlt eine strenge Stimme. Diese Stimme gehört Heinrich von Esch/Sauer. Mit einer Gruppe Bewaffneter pirscht er sich an das Dorf Bourscheid heran. Sie wollen es in Brand stecken, wie es Margarethe, die Herrin von Esch/Sauer, befohlen hat. Da taucht ein Soldat neben Heinrich auf und flüstert ihm zu: „Ich höre Hufgetrappel auf dem Weg. Es kommt jemand.“ „Alle verstecken!“ befiehlt der Rittersohn. Die Soldaten verschwinden hinter den Sträuchern. Ein einsamer Reiter taucht auf. Auf einen Wink Heinrichs hin springen einige seiner Leute auf und greifen dem Pferd nach dem Zügel. Erschrocken fährt der Reiter zusammen. „Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?“ „Wer wir sind, geht dich nichts an. Sag uns lieber, wer du bist“, fährt ihn ein Soldat an. „Wer wagt es da, mir so frech zu antworten? Ich bin Johann, der Sohn des Herrn von Bourscheid. Ich erwarte, dass man mir mit Respekt begegnet.“ „Du bist Johann von Bourscheid? Na, da haben wir aber Schwein gehabt.“ Heinrich kann sein Glück nicht fassen. Er ruft seinen Kumpanen zu: „Ergreift ihn! Den nehmen wir mit nach Esch/Sauer. Da wird sich meine Mutter freuen.“ Und bevor Johann auch nur ein Wörtchen des Protestes hervorbringen kann, liegt er gefesselt und geknebelt im Gras. Heinrich tritt an ihn heran und höhnt: „Der tüchtige Johann von Bourscheid, Sieger aller Turniere! Nun liegt er hier vor mir und bibbert vor Angst. Ins tiefste Verlies von Esch/Sauer wirst du gesperrt, zu den Ratten und Mäusen. Ha ha ha!“ Johann bäumt sich auf vor Wut. Aber die Fesseln sind zu fest angezogen, er kann sich nicht befreien. Er kennt Heinrich von Esch/Sauer. Er weiß, dass er ein brutaler und rücksichtsloser Kerl ist. Von ihm ist keine Gnade zu erwarten. Zwei Soldaten heben den Gefangenen hoch und stoßen ihn vor sich her. Die ganze Bande macht sich auf den Rückweg. Alle sind sie hoch begeistert vom Ausgang ihrer Expedition. Sie erwarten eine hohe Belohnung von ihrer Herrin. Erpressung Am frühen Morgen treffen die Soldaten mit ihrem Gefangenen in Esch/Sauer ein. Stolz wie ein Pfau stolziert Heinrich in den Burghof. Er stößt Johann in den Palas, in Richtung Rittersaal. Kaum steht er im Saal, ruft er seinen Eltern zu: „Seht mal, wenn ich euch mitgebracht habe! Das hättet ihr nicht von mir erwartet.“ „Aber, das ist doch Johann von Bourscheid!“, wundert sich sein Vater. „Jaaaa, da staunst du, was! Ich, euer Sohn, Heinrich von Esch/Sauer, habe den berühmtesten Turnierreiter der Grafschaft im Zweikampf bezwungen. Den Kampf hättet ihr erleben sollen. Er war gut, aber ich war besser.“ Die Mutter strahlt ihren Sohn an. Sie hat ja schon immer gewusst, welch tüchtigen Sohn sie hat. „Das hast du gut gemacht. Das verdient eine Belohnung. Was wünschst du dir, mein Junge?“ „Das weißt du, Mutter. In Ettelbrück, auf der Wiese des Vogtes, läuft das beste Pferd, das es gibt. Das möchte ich haben. Kauf es mir.“ Der Vater seufzt. Er weiß, dass der Ettelbrücker Vogt das Pferd nur gegen einen sehr hohen Preis verkaufen wird. Aber er ist einverstanden. „Und was machen wir nun mit unserem Milchbubi hier?“, will Heinrich wissen, indem er den Knebel löst. „Lügner! Mistkerl!“ fährt ihn der erboste Johann an. Da prahlt dieser Angeber von einem fairen Kampf! Und wie war es in Wirklichkeit? Heimtückisch haben sie ihn überfallen. „Ruhe! Im Verlies wird dir dein Stolz vergehen“, fährt ihn Sigfrid von Esch/Sauer an. „Knechte, bringt ihn in den Turm. Vergesst nicht, ihn mit einer Kette an die Mauer zu fesseln. Bewacht ihn gut. Wenn der euch entkommt, dann werde ich euch eigenhändig den Ratten zum Fraß vorwerfen.“ Während Johann abgeführt wird, setzt sich die Ritterfamilie um den Tisch zusammen. „Nun hört mir mal gut zu!“, beginnt Margarethe. „Das ist das beste, was uns passieren konnte. Noch einmal, mein Sohn: Das hast du gut gemacht. Aber jetzt müssen wir raffiniert vorgehen. Wir schreiben Dietrich von Bourscheid einen Brief. Darin berichten wir ihm von der Gefangennahme seines Sohnes. Wir versprechen ihm, den Sohn freizulassen unter folgenden Bedingungen: - Kein Wort zum Lehnsherrn, dem Grafen von Luxemburg. Sonst fressen die Ratten seinen Sohn. - Dietrich tritt uns die Dörfer Heiderscheid und Schlindermanderscheid ab. Sobald der Vertrag unterschrieben ist, kommt der Sohn frei. So versprechen wir jedenfalls. Ob er überhaupt jemals freikommt, das werden wir dann sehen.“ Heinrich ist begeistert: „Mutter, das ist clever. In diesen Dörfern wohnen viele Bauern. Die alle müssen uns dann Abgaben leisten. Und wir werden reich, sehr reich. Und ich kann mir die schönsten und schnellsten Pferde kaufen. Damit werde ich alle Turniere gewinnen. Ich werde der berühmteste Ritter der Grafschaft sein.“ Sigfrid hat Bedenken: „Glaubst du, das würde gut ausgehen. Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Wenn der Graf von Luxemburg das erfährt, dann Gnade uns.“ „So mach doch nicht gleich in die Hose!“, fährt ihn seine Frau an. „Bist du ein Mann oder ein Feigling? Wie soll der Graf das denn erfahren? Lass mich nur machen. Und nun ruf den Kaplan, damit er uns den Brief aufsetzt.“ Der Vorschlag
des Knappen Auf der Burg Bourscheid sitzt Ritter Dietrich allein vor dem Kaminfeuer im Rittersaal und grübelt über das Verschwinden seines Sohnes Johann nach. Schon gestern Abend sollte er eigentlich von Luxemburg zurückkommen. Und noch immer ist er nicht aufgetaucht. Der Ritter macht sich Sorgen. Wo kann Johann bleiben? Am späten Abend nähert sich ein fremder Reiter der Burg Bourscheid. Er klopft an das Tor. Der Wachposten öffnet und fragt nach seinem Begehr. „Ich bringe eine Botschaft meines Herrn, des Ritters von Esch/Sauer“, antwortet der Reiter. Die Wache lässt ihn ein und führt ihn in den Palas zum Ritter. Der Bote überreicht den Brief und verabschiedet sich. Ritter Dietrich ruft erstaunt: ,,Ein Brief von Esch/Sauer? Von Sigfrid, meinem Todfeind? Was kann der mir wohl schreiben?“ Er ruft alle herbei: ,,Kommt alle, wir haben einen Brief von Esch/Sauer bekommen.“ Seine Frau Elisabeth, seine Tochter Katherina und sein Knappe Friedrich von Brandenburg eilen herbei. Dietrich öffnet den Brief und liest vor. Alle sind sehr erschrocken und Elisabeth fällt vor Entsetzen in Ohnmacht. Diedrich fragt: „Was sollen wir bloß tun?“ Sie beraten sich. „Wir können die Burg nicht angreifen, dafür ist sie zu stark“ meint die Mutter. „Außerdem gefährden wir dadurch Johann. Wer weiß, was Sigfrid mit ihm anstellt, wenn unsere Soldaten vor seiner Burg erscheinen.“ Diedrich knurrt wütend: „Aber seine Dörfer werden wir zerstören. Kein Körnchen Abgaben soll dieser Räuber erhalten! Erhungern soll er!“ Elisabeth und Katherina wollen davon nichts wissen: „Sigfrid wird sich dann an Johann rächen. Außerdem schaden wir dadurch nur den armen Bauern. Und die können doch nichts dafür, dass sie einen Banditen als Herrn haben.“ Keiner hat eine Ahnung, wie sie Johann befreien können. Elisabeth und Katherina beginnen zu weinen. Zögernd beginnt Friedrich von Brandenburg zu sprechen: „Ich habe eine Idee. Ich schleiche mich in die Burg von Esch/Sauer und befreie Johann.“ „Bist du von Sinnen?“ entsetzt sich Katherina. „Sie werden dich töten, genau wie meinen Bruder.“ Und sie schluchzt herzzerreißend. Aber Friedrich gibt sich nicht geschlagen: „Ich glaube, wir haben keine andere Wahl. Johann ist mein bester Freund. Ich muss ihn retten.“ Katherina schaut den jungen Mann bewundernd an. Er hat ihr schon immer gut gefallen. Aber dass er so mutig ist! Das hatte sie nicht von ihm geglaubt. Am nächsten Morgen sattelt Friedrich sein bestes Pferd. Die ganze Familie begleitet ihn zum Tor. Niemand spricht. Alle sind sie in Gedanken bei der gefährlichen Aufgabe, die Friedrich vor sich hat. Als dieser sich auf sein Pferd schwingen will, tritt Katherina auf ihn zu. Sie reicht ihm ein seidenes Halstuch und flüstert: „Dieses Tuch soll dir Glück bringen. Trage es, bis du zurück bist.“ Der junge Mann bindet das Tuch um den Hals und schwingt sich auf das Pferd. Kraftvoll gibt er ihm die Sporen und sprengt davon. In geheimer Mission Ein paar Stunden später nähert Friedrich sich der Burg von Esch/Sauer. Er lässt sein Pferd im Wald zurück. Er bindet ihm die Vorderbeine, damit es nicht weglaufen kann. Das Pferd kann sich dennoch so weit bewegen, dass es Nahrung findet. Hoffentlich wird niemand es finden. Sonst muss Friedrich zu Fuß nach Bourscheid zurück. Friedrich trägt einen schäbigen Kittel mit zahlreichen Löchern, wie ein ganz armer Bauer. So kann niemand ihn erkennen. Er nähert sich dem Tor und klopft an. Der Wachposten lugt hervor. Was? Nur ein dämlicher Bauer! Warum kommt der denn stören? „Was hast du hier zu suchen?“, fährt er Friedrich an. „Meine Eltern sind von Räubern umgebracht worden“, erzählt dieser mit weinerlicher Stimme. „Und du kommst extra her, um mir das zu erzählen!“, höhnt der Soldat. „Ich möchte als Pferdeknecht in den Dienst des Herrn von Esch/Sauer treten“ erklärt Friedrich. Der Vogt wird gerufen. Der ist einverstanden. Die Wache zeigt Friedrich seine Schlafstelle im Heu, über dem Pferdestall. Neben ihm schläft ein anderer Pferdeknecht. „Wie heißt du?“, fragt dieser freundlich. „Ich bin Friedrich. Und Du?“ „Ich heiße Hans. Wieso bist du auf die Idee gekommen, hier in Esch/Sauer Pferdeknecht zu werden? Unser Herr ist ein sehr rabiater Kerl. Und seine Frau erst! Die hat vielleicht eine scharfe Zunge. Komm der nur nicht in die Quere. Heinrich, ihr Sohn, ist zwar ein großer Angeber. Aber du brauchst ihm nur ein wenig zu schmeicheln. Dann kannst du ihn um den Finger wickeln.“ Bald sind Friedrich und Hans die besten Freunde. Am folgenden Tag flüstert Hans ihm verschwörerisch zu: „Ich weiß ein großes Geheimnis. Hier in der Burg haben wir einen rätselhaften Gefangenen. Niemand weiß, wer er ist.“ Friedrich erkennt sofort, dass es sich nur um Johann handeln kann. Ganz unschuldig fragt er: „Wirklich? Und wo ist er denn? „Im Verlies, im Keller des Bergfrieds. Aber verrate niemandem, dass du Bescheid weißt. Es ist nämlich ein großes Geheimnis. Meine Freundin, eine Küchenmagd, hat es mir verraten. Sie muss ihm täglich das Essen bringen.“ „Und wie kommt man zu dem Gefangenen?“, fragt Friedrich. „Zu ihm? Das ist gar nicht möglich. Zwei Wachen stehen ständig vor der Tür des Verlieses. Die lassen niemanden hinein.“ „Gibt es denn nur diese eine Tür?“ „Klar! An der Hinterseite des Bergfrieds befindet sich zwar noch eine Luke. Aber die ist sehr klein und dazu noch vergittert. Da kommt nicht mal eine Katze durch.“ In der nächsten Nacht schleicht Friedrich zum Bergfried. Er erkennt zwei Schatten vor der Tür. Das sind die Wachen. Nach einem weiten Umweg gelangt er schließlich an die Hinterseite. Hier können ihn die beiden Wachen weder sehen noch hören. Er nähert sich mit dem Gesicht der Luke und ruft leise: „Johann, bist du da? Hörst du mich? Ich bin’s, Friedrich. Ich bin gekommen, um dich zu retten!“ Eine Stimme antwortet: „Friedrich, bist du’s wirklich? Vielen Dank! Das nennt man einen Freund!“ Johann erzählt ihm, wie es zu seiner Gefangennahme gekommen ist. Zum Schluss bittet er: „Friedrich, versprich mir, dass du mich herausholst. Es ist schrecklich hier. Wenn ich noch lange bleiben muss, werden die Ratten mich noch auffressen.“ „Klar hole ich dich heraus. Aber ich weiß noch nicht wie. Vor deiner Zelle stehen zwei Wachposten. Ich muss mir noch etwas ausdenken, wie ich die überlisten kann.“ Am nächsten Morgen tut Friedrich so, als wäre nichts passiert. Niemand hat seinen kleinen Ausflug mitbekommen. Glück gehabt! Hereingelegter
Prahlhans Friedrich versorgt gerade die Pferde im Stall. Mit einer Bürste kämmt er ihre Mähne. Da kommt Heinrich, der Sohn des Ritters, lustig pfeifend um die Ecke. Er schaut Friedrich eine Weile bei der Arbeit zu. Scließlich lobt er: ,,Das machst du aber gut. Wer hat dich das gelehrt?“ ,,Danke schön“, antwortet Friedrich. „Mein Vater konnte gut mit Pferden umgehen. Das habe ich bei ihm gelernt.“ ,,Wir haben die besten Pferde der Grafschaft im Stall stehen. Ich will mit ihnen noch viele Turniere gewinnen. Da ist ein guter Pferdeknecht besonders wichtig.“ „Das mit den Turnieren wird aber nicht so leicht sein“, widerspricht Friedrich. „Die letzten Turniere wurden alle von Johann von Bourscheid gewonnen.“ „Ha ha ha! Johann von Bourscheid? Diese Niete! Der wird nie mehr im Leben ein Turnier gewinnen. Der nächste Sieger steht vor dir. Ich habe die besten Pferde, ich bin der beste Reiter und ich bin der beste Kämpfer. Die Bourscheider können noch froh sein, wenn ich sie überhaupt am Leben lasse.“ „Aber mir hat man immer erzählt, ihre Burg wäre viel stärker als die Burg von Esch/Sauer.“ „Das ist sie auch, aber nicht mehr lange. Ich werde aus Esch/Sauer die mächtigste Burg in der ganzen Gegend machen.“ Und er lacht dröhnend, als habe er einen guten Witz erzählt. Dann fährt er fort: „Und übrigens! Etwas hat unsere Burg schon, das die Bourscheider nicht haben, einen Geheimgang. Da staunst du, was? Welche Burg hat schon einen Geheimgang? Nun, wir haben einen.“ Friedrich tut so, als wäre er starr vor Staunen: „Ein Geheimgang! Das gibt’s doch nicht!“ „Ja, ein Geheimgang! Komm, ich zeige ihn dir.“ Und er führt ihn zum Brunnen. „Schau mal hinein. Siehst du die Eisen an der Innenwand. Wenn du die hinuntersteigst, kommst du zu einem Seitengang. Dem brauchst du nur zu folgen, und du landest vor der Burg in einem dichten Dornenbusch. Das gibt’s nur bei uns, nicht in Bourscheid. Aber jetzt haben wir genug gequatscht. Sattle mir mein Pferd. Ich möchte ausreiten.“ Friedrich gehorcht aufs Wort. Welch ein Glück! Jetzt weiß er, wie er mit Johann aus der Burg entkommen kann. Durch den Geheimgang natürlich. Und Heinrich, dieser Prahlhans, hat ihm durch sein Gequassel dazu verholfen. Friedrich könnte die ganze Welt umarmen. Gerettet Gegen Mitternacht verlässt Friedrich den Pferdestall. Kein Geräusch ist zu hören. Ein kalter Wind fegt über den Burghof. Bei diesem Frostwetter wird niemand sich draußen aufhalten. Friedrich schleicht zuerst in die Schmiede. Dort entwendet er eine große Zange. Damit will er die Kette durchkneifen, mit der Johann gefesselt ist. Dann macht er sich auf den Weg zum Verlies. Friedrich weiß, dass zwei Bewaffnete vor der Gefängnistür Wache halten. Die ganze Zeit hat er sich schon den Kopf zerbrochen, wie er an ihnen vorbei kann. Aber er hat Glück. Die Wachen sind weg. Bestimmt war ihnen kalt und sie haben sich mal kurz in die Küche verdrückt um sich aufzuwärmen. Dort brennt ja ständig ein Feuer. Na, wenn der Ritter das erfährt! Das wird ein Donnerwetter geben! Vorsichtig schiebt Friedrich den schweren Riegel der Gefängnistür zurück. Mensch, der quietscht vielleicht! Erschrocken sieht der junge Mann sich um. Aber nichts rührt sich. Er stößt die Tür auf. „Johann! Ich bin es, Friedrich! Bist du wach?“ In der Ecke raschelt und klirrt es: „Hier bin ich.“ „Ist das dunkel hier! Reich mir die Kette!“ Er tastet nach der Kette, mit der Johanns Fuß an die Wand gefesselt ist. Mit der Zange kneift er ein Glied durch. Nun ist Johann frei. Nur den Eisenring um seinen Fuß kann Friedrich nicht lösen. Den muss Johann noch eine Zeit mit sich herumschleppen. Der Schmied von Bourscheid wird ihn entfernen. Sie tasten sich zur Tür vor. Laute Stimmen schallen über den Hof. Die Wachen kommen zurück. Zwei Schatten wanken auf sie zu. In der Küche haben sie bestimmt das Bier gefunden und ihm reichlich zugesprochen. Was nun? Friedrich und Johann stellen sich links und rechts von der Tür auf. In der Dunkelheit kann niemand sie erkennen. Die beiden Schatten wanken auf die Tür zu. Starke Hände greifen nach ihnen und stoßen sie kräftig gegen die Wand. Das ist zu viel für sie. Betäubt, vom Stoß und vom Bier, sinken sie zu Boden. „Nur schnell weg hier! Wenn die zu sich kommen, schreien sie die ganze Burg zusammen“ flüstert Friedrich. Er zieht die Tür zu und schiebt den Riegel wieder vor. „Wohin willst du? Wie finden wir aus der Burg?“ „Mach dir keine Sorgen. Wir nehmen den Geheimgang, der ja jetzt eigentlich gar nicht mehr so geheim ist.“ Friedrich zieht seinen Freund in Richtung Burgbrunnen. Er greift in den Brunnen hinein. Wirklich! An der Innenmauer ist eine eiserne Sprosse befestigt. Der Knappe steigt über die Mauer auf die Sprosse und dann immer tiefer in den Brunnen hinab. „Mir nach!“ ruft er Johann zu. Etwa zehn Meter tief tasten die beiden sich in den rabendusteren Brunnen hinunter. Friedrich berührt immer wieder die Wand zu beiden Seiten der Eisensprossen. Endlich greift er ins Leere. Der Geheimgang! Die beiden schwingen sich hinein und tapsen blindlings durch den Gang. Nur ganz langsam kommen sie weiter und immer wieder stoßen sie mit dem Kopf gegen den Felsen. Unendlich lang kommt ihnen die Zeit vor, bis Friedrich in einen Büschel Zweige greift. Der Geheimgang ist zu Ende. Das ist ihnen gar nicht aufgefallen, da es ja draußen fast genau so finster ist wie im Gang. Über ihnen erhebt sich der Schatten der Burg. Sie sind außerhalb der Ringmauer. Und da unten erkennen sie einen Weg. Der führt nach Bourscheid. Nun nichts wie los! Vor Freude boxen sie sich gegenseitig gegen den Oberarm. Am liebsten würden sie schreien vor Erleichterung. Aber das trauen sie sich doch nicht. Sie machen sich auf die Suche nach Friedrichs Pferd. Bald haben sie’s gefunden. Das arme Pferd muss nun die doppelte Last tragen. Aber Friedrich und Johann sind keine Tierquäler. Sie lassen es im Schritt gehen. Und so weit ist es ja auch gar nicht bis nach Bourscheid. Hochzeit in Bourscheid Die Sonne steht hoch am Himmel, als die beiden endlich vor der Burg Bourscheid ankommen. Der Wachposten auf dem Bergfried hat sie schon längst erblickt und Alarm geschlagen. So stehen alle Einwohner der Burg, vom Ritter bis zur kleinsten Dienstmagd, vor dem Tor, um die Helden zu begrüßen. Johann fällt seiner Mutter um den Hals. Katherina strahlt Friedrich an. Soll sie ihm vor all diesen Leuten einen Kuss geben? Wird die Mutter auch nicht böse werden? Friedrich gibt ihr ihr Halstuch zurück und sagt: „Es hat mir Glück gebracht. Vielen Dank!“ Und er schließt das Mädchen in seine starken Arme. Bald sitzt die ganze Familie im Rittersaal und das große Erzählen beginnt. Eine Magd schenkt jedem einen Becher Wein ein. Eine andere bringt kalten Rehbraten und eine Schüssel mit Brotscheiben herein. Besonders Johann greift zu. Die Gefängniskost war nicht gerade reichhaltig gewesen. Der Ritter von Bourscheid beschließt, beim Lehnsherrn, dem Grafen von Luxemburg, Klage zu führen gegen den Ritter von Esch/Sauer. Dieser muss sein Lehen an den Lehnsherrn zurückgeben und mit seiner Familie die Grafschaft verlassen. Ein paar Tage später sind Friedrichs Eltern, der Ritter und die Herrin von Brandenburg, zu Besuch. Während dieses Besuches führen die beiden Elternpaare mehrere längere Gespräche. Friedrich und Katherina wissen, dass es um ihre Zukunft geht. Nach den Ereignissen der letzten Wochen können sie aber sicher sein, dass die Eltern sich schnell einigen werden. Und wirklich. Kurz vor dem Ende des Besuches ruft der Ritter von Brandenburg seinen Sohn zu sich, während die Herrin von Bourscheid ein längeres Gespräch mit ihrer Tochter führt. Die Hochzeit wird auf Pfingsten festgesetzt. Diese Hochzeit wird das Ereignis des Jahres in der Grafschaft. Alle Ritter sind eingeladen, auch der Graf von Luxemburg. Es wird gefeiert, dass die Wände wackeln. Das Essen ist köstlich. Es gibt gefüllten Truhthahn, den besten Moselwein und dazu Wildschwein- und Rehbraten. Minnesänger und Tänzerinnen sorgen für die nötige Stimmung. Nach dem Festmahl findet ein glänzendes Tunier statt. Die jungen Ritter ziehen ihre prächtigste Rüstung an und galoppieren mit ihren Lanzen in den Burghof. Der Herr von Bourscheid gibt ein Zeichen. Ein Trompetensignal ertönt. Das Turnier beginnt. Die Ritter galoppieren aufeinander zu und versuchen sich mit der Lanze gegenseitig aus dem Sattel zu heben. Wer vom Pferd fällt scheidet aus. Zum Schluss bleibt Johann von Bourscheid allein übrig. Jeder jubelt ihm zu. Nur Friedrich ist ein wenig traurig. Seine Frau wollte ihn nicht am Turnier teilhaben lassen. „Das ist viel zu gefährlich. Ich möchte an meinem Hochzeitstag keinen verletzten Ehemann pflegen.“ Und Recht hat sie damit. Oder? |
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