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Lehrerinformation
Oral HistoryOral History ist eine noch relativ junge Teildisziplin der geschichtlichen Forschung. Sie besteht aus der Erzeugung von Erinnerungsinterviews als historische Quelle und deren Auswertung. Die Oral History produziert unmittelbare und authentische Quellen über das Alltagsleben, in denen der Mensch und seine subjektive Welt im Mittelpunkt stehen. Das bringt ihr den Vorwurf ein, nicht wissenschaftlich genug zu sein. Diese Quellen sind unvollständig, manchmal sogar falsch, stark persönlich gefärbt und manipulierbar. Die geschichtlichen Ereignisse werden durch subjektive Erlebnisse beeinflusst und aus einer Gegenwartsperspektive wiedergegeben. Deshalb kommt der Historiker nicht daran vorbei, die durch Oral History erzeugten Quellen mit anderen Quellenarten zu vergleichen und ihre Aussagen zu relativieren. Oral History in der Schule Die Erzählungen der Eltern und Großeltern über die Vergangenheit sind die ersten Kontakte des Kindes mit der Geschichte. Sie prägen in einem großen Ausmaß sein Geschichtsbewusstsein. Aber auch für die Schule sind mündlich überlieferte Erinnerungen eine Bereicherung. Zuerst einmal wird der Unterricht dadurch interessanter und lebendiger. Oral History bringt Abwechslung in den schulischen Alltag und wirkt dadurch motivierend auf die Schüler. Für diese bedeuten die Interviews einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte. Eine Begegnung mit jemandem, der dabei war, wirkt authentisch und faszinierend. Der Unterricht ist handlungsorientiert. Die Zeitzeugen zu befragen verlangt ein großes Maß an Eigeninitiative und an Spontaneität von den Schülern. Die Planung und Ausführung der einzelnen Arbeitsschritte fördert ihre Selbstständigkeit. Oral History bezieht das außerschulische Leben in den Geschichtsunterricht ein. Sie fördert die Kommunikation zwischen den Generationen. Soziale Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeit kommen zur Geltung. Die Schüler lernen, wie historisches Wissen entsteht, sie sind ja direkt daran beteiligt. Gleichzeitig erfahren sie auch die Schwächen dieser Methode, und zwar ihre Subjektivität und ihre Manipulierbarkeit. Sie lernen, dass man die historischen Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven sehen muss, um sie objektiv bewerten zu können. (Beispiel: Die Schüler erfahren das Schicksal der Zwangsrekrutierten im 2. Weltkrieg durch das Studium des historischen Umfeldes und der großen geschichtlichen Ereignisse, durch die Hinzuziehung von Statistiken aber auch durch das subjektive Erleben der einzelnen Zeitzeugen.) Diese Ziele können natürlich in der Primärschule nur ansatzweise erreicht werden. Wichtig ist, dass bei den Schülern das Bewusstsein entsteht an der Produktion einer Quelle mitzuarbeiten. Bei so jungen Schülern kann man keine großen Ergebnisse, was die Produktion von Quellen angeht, erwarten. Dazu fehlt es ihnen an Sachwissen und Lebenserfahrung. Sie haben auch nicht die nötige kritische Distanz zu ihrem Interviewpartner, sie nehmen seine Darstellung als Wahrheit" an. Der Zeitzeuge dominiert, er will die Schüler belehren, ihnen seine Ansichten aufdrängen. Manchmal erzählt er auch zu abstrakt, zu allgemein. Den Schülern ist das benutzte Vokabular nicht geläufig. Oft wollen die Schüler konkrete Einzelheiten erfahren, die in den Augen der Erwachsenen total nebensächlich sind. Sie begrenzen sich bei ihren Fragen zu sehr auf ihre Erlebniswelt, z.B. auf Spiel, Schule, Familie. Die Vorbereitung und Ausführung von Zeitzeugeninterviews a) Oral History als Einstieg in ein Thema Das Zeitzeugeninterview kann auf verschiedene Arten in den Unterricht eingefügt werden. Am einfachsten zu verwirklichen ist eine Befragung, die in ein bestimmtes Thema einführen soll. Sie verlangt wenig Vorbereitung und, mit etwas Glück, liefert sie dem Lehrer eine ganze Reihe Anknüpfungspunkte für seinen Unterricht. Sie dient der Motivierung der Schüler für das zu behandelnde Thema. Wenn dabei auch noch als Ergebnis brauchbare Quellen abfallen, so ist das eine angenehme Nebenerscheinung. Beispiel: Als nächstes Thema steht die Schule in den 50er Jahren auf dem Programm. Als Hausaufgabe sollen die Schüler Bekannte und Familienmitglieder zu ihrer Schulzeit befragen. Das Resultat der Befragung wird ergiebiger sein, wenn Schüler und Lehrer im voraus die zu behandelnden Themen festsetzen (z.B. Schulzeit, Fächer, Hausaufgaben, Schulmaterial, Pausenspiele, Strafen ...). Die Antworten werden notiert resp. auf Tonband aufgenommen. Am folgenden Tag wird vor der Klasse Bericht erstattet. Am Lehrer ist es zu entscheiden, welches Material er für den Aufbau seines Unterrichts benutzt. b) Oral History als Produktion von Quellen Soll die Zeitzeugenbefragung aber zur Herstellung von Quellenmaterial führen, dann sind intensive Vor- und Nachbereitungen notwendig, die, besonders in der Primärschule, einen großen Einsatz von Seiten des Lehrers voraussetzen. Als erstes gilt es Zeitzeugen zum zu behandelnden Thema zu finden. Es müssen Personen sein, die über die nötigen Sachkenntnisse verfügen, die glaubwürdig sind und auch bereit sind über ihre Vergangenheit zu erzählen. Meist finden die Schüler in ihrer eigenen Verwandtschaft und Bekanntschaft Personen, die sich für eine Befragung eignen. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass solche Interviews unter Bekannten problematisch werden können, wenn dabei längst vergessen geglaubte Streitigkeiten wieder auftauchen (z.B. Kollaboration im 2. Weltkrieg). Die zukünftigen Interviewer kontaktieren ihren Zeitzeugen und informieren ihn über Art und Zweck des Unternehmens. Am besten bilden die Schüler Gruppen zu 2 oder 3, die nun gemeinsam ihr Interview vorbereiten. Der Lehrer sorgt dafür, dass sie mit dem nötigen Hintergrundwissen versorgt werden. Dann erarbeitet jede Gruppe einen Fragenkatalog, d.h. sie listet die Fragen auf, die sie vom Zeitzeugen beantwortet haben will. Mit dem Interviewpartner wird nun Termin und Ort des Gesprächs vereinbart. Außerdem einigen sich die Gruppenmitglieder darauf, wer welche Rolle beim Interview übernimmt: - Wer übernimmt die Führung des Gesprächs? - Wer kreuzt auf dem Fragenkatalog die Punkte an, die erledigt sind? - Wer kümmert sich um die technischen Geräte (Tonband oder Videokamera)? Ein Primärschüler, der noch keine Erfahrung mit Befragungen dieser Art hat, ist schnell überfordert mit der Durchführung eines solchen Gesprächs. Meist lässt er sich die Führung des Interviews vom Erwachsenen aus der Hand nehmen. Oder aber er gerät an einen wenig mitteilsamen Zeugen, der wortkarg auf eine Reihe von vorbereiteten Fragen antwortet. Der ideale Zeitzeuge für Kinder ist zurückhaltend, er drängt sich nicht auf, aber er ist trotzdem aufgeschlossen und mitteilsam. Offene Fragen zu Beginn bringen das Gespräch in Gang. Der Zeitzeuge erhält die Gelegenheit frei zu erzählen. Einer der Interviewer hakt die behandelten Fragen auf seiner Checkliste ab. Ist ein Thema noch nicht behandelt, fragt ein Schüler nach. Trotz Checkliste sind spontane Fragen immer willkommen. Allein sind die Schüler klar überfordert mit der Auswertung des Gesprächs. Am besten ist es, der Lehrer gibt ihnen eine Liste mit Fragen oder Anregungen, die sie mit Hilfe des Interviewmaterials ausfüllen sollen. Nur wenn sie sich an ein solches Schema halten können, gelingt es ihnen eine gewisse Ordnung in das gesammelte Material zu bringen. Bei der Ausführung dieser Arbeit oder beim Vergleich der eigenen Resultate mit denjenigen der anderen Gruppen ergeben sich vielleicht Widersprüche, Unklarheiten oder sonstige Informationsmängel. Diese können in einem zweiten Interview bereinigt werden. Die Schüler vergleichen die gesammelten Informationen untereinander, aber auch mit den anderen Quellen, über die sie verfügen. Worin stimmen die Quellen überein? Welche Unterschiede gibt es? Wie sind diese Unterschiede zu erklären? Als Ergebnis der Befragung können Interviewauszüge zusammen mit Fotos, Plakaten und anderen Dokumenten in Form einer Ausstellung oder in einer Klassenzeitung vorgestellt werden. Eine Zeitzeugenbefragung, Vorbereitung, Ausführung und Auswertung, nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Sie ist wohl kaum zu verwirklichen, ohne dass der Lehrer fächerübergreifend arbeitet. Bibliographie: Bernhard Askani, Elmar Wagener (Hrg.): Anno 4, Das 20. Jahrhundert Braunschweig, Westermann Schulbuchverlag, 1997 Gerhard Henke-Bockschatz: Oral History im Geschichtsunterricht in Geschichte lernen, Heft 76, Seelze-Velber, Friedrich Verlag, 2000 Uwe Kaminski: Oral History in Hans-Jürgen Pandel; Gerhard Schneider (Hrg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts., Wochenschau Verlag, 1999 Denis Scuto e.a.: Entdecken und Verstehen 3, Von der Industrialisierung bis zur Gegenwart, Berlin, Cornelsen Verlag, 1997 Dorothee Wierling: Oral History in Klaus Bergmann e.a. (Hrg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber, Kallmeyer'sche Verlagsbuchhandlung, 1997
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